Die Materialien
Für das Spinnen von Garnen für die Herstellung von von Textilien eignen sich alle faserigen Materialien wie Wolle, Flachs, Seide, Baumwolle, aber auch Hanf, Kokosfasern, Wollgras.

Duc de Berry, Les très riches heures Blatt Juli, 15. Jhd.

Meist gab es in jeder Herde einige Tiere mit abweichender Haarfarbe, da dies die einfachste Möglichkeit war, farbige Garne für farbige Gewebe zu erhalten. Wenn gefärbt wurde, dann meist vor dem Weben, da man so auch kleine Mengen an Garn in den benötigten Farben färben konnte. Probleme traten bei großen Flächen auf, da dann oft nicht eine ausreichende Menge an gleichfarbigem Garn herzustellen war.

Zu Beginn der Tierhaarverarbeitung wartete man auf den natürlichen Haarwechsel von Winter- zu Sommerfell und hat die unterschiedlichen Haararten getrennt gesammelt. So verlieren Ziegen im Frühjahr zuerst die Deckwolle und dann die feinere Unterwolle. Züchtung zielte darauf ab, daß die Tiere ihre Wolle behalten und man sie bei Bedarf schert.


Die Wolle wird den Tier aus dem Fell ausgezupft (früheste Technik) oder mit Scheren geschoren. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten der Weiterverarbeitung:
 

Die Wolle
Wolle, also Tierhaare, wird von den verschiedensten Tieren gewonnen. Im europäischen Mittelalter waren dies vor allem Schafe, aber auch Ziegen. In anderen Kulturen waren und sind es Kamele (Afrika & Arabien), Lamas (Südamerika), Yaks (Asien). Auch Kaninchen-, Wolfs- und Hundehaar läßt sich verspinnen. Früheste Nachweise für gezwirnten Wollfaden stammen aus Gräbern in Anatolien (6000 v.Chr.).

Haare von Ziegen und Wiesel wurden beim Filzen in die Schafwolle eingearbeitet, um glänzende Oberflächen zu erhalten. Ansonsten war das Mischen von Haaren eher verpönt. Um kostbares Material zu strecken, scheuten manche zeitgenossen nicht davor zurück, die Wolle mit Kuh- oder Schweinehaaren zu strecken..

A: Die Wolle wird ungewaschen nur grob gereinigt und locker gezupft, dann versponnen. Das Wollfett (Lanolin) bleibt in der Wolle und macht sie wasser- und schmutzabweisend.

Wolle kann man nicht nur verspinnen, sondern auch verfilzen. Schafwolle, Ziege, aber auch Biber- und Kaninchenwolle filzen gut. Eingearbeitete Wieselhaare verleihen dem Ganzen einen besonderen Glanz. Im 13. Jhd. wurden in Europa hauptsächlich Hüte gefilzt, aber auch Schuhe, Mäntel, Teppiche und Wandbehänge.

 

B: Die Wolle wird gewaschen, kardiert und gekämmt. Jeder Arbeitsgang erleichtert das Spinnen, kostet aber Zeit. Das Wollfett wird ausgewaschen, was das Material zwar feiner, aber auch empfindlicher macht.

Ziegenwolle besitzt im Gegensatz zu Schafwolle keine Kräuselung und ist deswegen schwieriger zu verspinnen. Deshalb war Ziegenwolle gröber (2-4 mm), weil man sie wegen der glatten Fasern immer verzwirnt hat, um die Haltbarkeit zu erhöhen. Ziegenhaartextilien waren hauptsächlich Verpackungs- oder Abdeckmaterial, z.B. auch Leichentücher.

Der gesponnene Faden wurde hauptsächlich verwoben, gestrickte Textilien sind erst seit dem 14. Jhd. bekannt (Kappen, Handschuhe). Auf dem Buxtehuder Altarbild ist eine Madonna abgebildet, die den ungenähten Rock Jesu mit einem Nadelspiel strickt (15. Jhd).

Die Webstoffe wurden oft in Walkmühlen oder per Hand gewalkt, wobei sie auf 1/3 ihrer ursprünglichen Größe schrumpfen. Um dies zu verhindern, wurden die Stoffe beim Trocken auf Rahmen gestreckt. Der erlaubte Schrumpfungsgrad wurde schon früh in Handwerksstatuten geregelt. Um das gewalkte Tuch weich zu machen, wurde es am Ende mit Kardendisteln aufgeraut und die abstehenden Haare auf eine bestimmte Länge abgeschoren.


Boccaccio: Buch der berühmten Frauen, 
15. Jhd, Arbeitsschritte der Flachsverar- beitung: oben: weben, unten von links: spinnen mit Rocken und Spindel, kardieren, hecheln.
Der Flachs     
 

Flachs (lat. linum, dt. Lein) als Grundlage für Stoffe gab es schon um 5000 v.Chr. im Nahen Osten. Ägyptische Wandmalereien zeigen seine Verarbeitung. Es ist eine sehr komplexe Vorbereitung nötig.

   
    Flachsstroh und Flachszopf aus
    gehecheltem Flachsband
 
Flachs ist von Natur aus braun und wird in mehreren Arbeitsgängen gebleicht. Arbeit ist teuer, deshalb war weißes Leinen Statussymbol. In England war es zudem noch üblich, die Oberfläche glänzend und glatt zu machen, indem man mit heißen Glashalbkugeln darüberrieb.
 

Der Flachs (Linum usitatissimum,
Leingewächse) wird mitsamt der Wurzel gezupft. 


Aus 1 Kilogramm Flachsstroh erhält man nach dem "Riffeln"  740 g geriffeltes Flachsstroh, das "geröstet" wird, es bleiben 590 g geröstetes Flachsstroh, das "gebrochen" und "geschwungen" wird, dabei entstehen

120 g Flachsband
das "gehechelt" wird zu
&
        70 g Schwingwerg,
        das kardiert und gesponnen wird zu

32 g Hechelabfall oder Werg       &
der versponnen wird zu

84 g gehecheltem Flachsband
versponnen zu

        40 g rohem Werggarn
        das gebleicht wird zu

25 g Werggarn,
das gebleicht wird zu

73 g Flachsgarn
das gebleicht wird zu

16 g gebleichtem Werggarn

54 g gebleichtem Leinengarn
        
       30 g gebleichtem Werggarn

Aus 1 Kilogramm Ausgangsmaterial entstehen also 100 Gramm verspinnbares Material
Fachbegriffe::
riffeln = von Samenkapseln und Blättern befreien, indem man die Stengel durch einen Kamm zieht 
rösten = vergären, um Faserbündel von Bindemittel zu befreien (Pflanzenschleime)
brechen = mechanisches Brechen der harten Fasern 
hecheln = trennen der spinnbaren Fasern vom Werg, indem man die Stengel über Haken (mhd. hechel) zieht
kardiert = gekämmt

unversponnene Baumwolle im Strang und Knäuel aus versponnener Baumwolle
Die Baumwolle
wurde im europäischen Mittelalter vor allem im Mittelmeerraum getragen. Bekannt wurde sie durch den kulturellen Einfluß der Araber. Sie wurde aus dem nahen Osten importiert und war relativ teuer. Baumwolle als Textilfaser ist seit 2500 v.Chr. in Asien bekannt. Auch in Südamerika wurde die Baumwolle schon um 2000 v.Chr. kultiviert.

Baumwolle ist wie der Flachs eine pflanzliche Faser und besteht aus den Samenhaaren der Baumwollpflanze (Gossypium div.spec., Malvengewächse). Die aufgesprungenen Samenkapseln werden gepflückt und entkernt, indem man sie auf einer glatten Unterlage mit einem Holzstock überrollt. Danach wird die rohe Baumwolle gewaschen und flaumig geschlagen. Dazu verwendet man den sogenannten Fachbogen, der durch einen Schlegel angeschlagen wird. Dadurch wird die Sehne in Schwingung versetzt und die einzelnen Fasern aus den Flocken gezupft. Der Samen fällt dabei ab.

Die Baumwollfasern sind kürzer als die von Flachs oder Schafwolle.

Details zum Fachbogen: siehe auch Kinseher, Richard

     
     Entkernen der Baumwollkapseln, 
    chin.Holzschnitt o.J.
Die Seide
Seidengewebe wurden schon um 1500 v.Chr. in China verwendet. Der Seidenhandel versorgte das römische Reich um das 2. Jhd. v.Chr. mit dem kostbaren Gewebe. 

Obwohl die Ausfuhr von Seidenraupen aus dem Reich der Mitte unter Androhung der Todesstrafe verboten war, gelang um 555 n.Chr. der Schmuggel der Raupen nach Konstantinopel, von wo aus sich die Zucht über große Teile Europas verbreitete. In Deutschland gab es die zur Zucht benötigten Seidenraupen vereinzelt ab dem 13. Jahrhundert.  Die meiste Rohseide wurde aus Indien, China und Japan importiert, ab dem 12. Jahrhundert wurde sie verstärkt in Italien produziert. Im Byzanz des 7. Jahrhunderts gab es ebenfalls eine eigenständige Seidenindustrie 
Kühnel, Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung, 1992, Stuttgart (Quellen)

Köln wurde im 15. Jahrhundert zu einem anerkannten Zentrum der Seidenverarbeitung (Seidmacherei, Seidspinnerei, Seidfärberei). Seidenverarbeitung war im europäischen Mittelalter fast ausschließlich eine Domäne der Frauen. Einzig die Seidenfärberei wurde von Männern betrieben.
Wolf-Graaf, Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit, 1983, Weinheim (Quellen)
 

Seidensamt wird ab dem späten 13. Jhd. in Italien und Spanien en vogue, zuerst allerdings nur für die Innenausstattung, erst später für Kleidung, da man das teure Material nicht verschneiden wollte. Der später aufkommende Halbsamt, bei dem die Seide das Leinenträgergewebe verdeckt, war dann auch eine deutlich preiswertere Variante.


Rohe und versponnene Schappe-Seide, 
die aus den Kokonresten nach Abwickeln des Seidenfadens (Maulbeerseide) besteht.

In Italien nutzte man seit dem 13. Jhd. die Wasserkraft für die Seidenverarbeitung, nicht aber in Nordeuropa. Gebleicht wurde die Seide mit Schwefel.

Seide wurde hauptsächlich für Stickerei und Wandbehänge verwendet. Als Material für Kleidung war sie in Europa nahezu unerschwinglich.


Rösten der Seidenraupenkokons, chin. Holzschnitt o.J.
 Die Weibchen des Maulbeerspinners legen zwischen 300 und 500 Eier. Die Raupen schlüpfen aus den Eiern und werden dann auf Tücher ausgebreitet und mit Maulbeerblättern gefüttert. Nach 60 Tagen verspinnt sich die Raupe in einen Kokon, der getrocknet wird, so daß die Raupe abstirbt. Der Kokon wird in heißem Wasser eingeweicht, daß sich der Leim löst, der hauchdünne Faden wird abgewickelt und versponnen.