Vom Spinnstock zum Spinnrad: Die Geschichte der Handspinnerei
Schon aus dem Neolithikum kennt man Textilreste verschiedenster Art. Der Spinnwirtel gehört zu den ältesten Artefakten der Menschheit. Das Verspinnen von Fäden wird in fast allen Kulturen der Erde nach demselben Prinzip durchgeführt. 

Fasern verspinnen kann man mit Spinnstöcken ohne Gewicht (z.B. in Tibet), mit Spindeln, deren Wirtel aus verschiedenen Materialien (Ton, Stein, Holz, Blei) bestehen, mit Spindelrädern (handgetrieben ohne oder mit Flügel) oder dem fußbetriebenen Spinnrad mit Flügel.


Hemse Kirche, Gotland
Das einfachste Spinngerät ist der Spinnstock, der über die Hand gedreht wird, so daß sich der Faden verdrillt. Dieser wird auf den Spinnstock aufgewickelt. Diese Technik gibt es heute noch z.B. in Tibet. 

Doch schon in der Antike kannte man den Spinnwirtel, der dem Spinnstock durch sein Gewicht eine andauernde Drehung ermöglicht. 


Spindel mit scheibenförmigem Holzwirtel


 Spindelrad 14. Jahrhundert
Die Handspindel ist ein weiterentwickeltes Gerät, das den Schwung mittels eines schweren Wirtels aus Stein, Blei und Ton, oder eines flächigen Wirtels, meist aus Holz hält. 

Die Spindel arbeitet dabei entweder frei hängend, oder auf dem Boden laufend (Arbeitstechniken)


Spindeln von links: Schamottwirtel (wikingisch 
6. Jhd:), Speckstein, Ton (tönnchenförmig), 
Ton (scheibenförmig)
Das Spindelrad war schon im 9. Jahrhundert in Indien bekannt, kam aber erst durch die Araber im 12./13. Jahrhundert nach Europa. Da es nur stationär betrieben werden kann, dauerte es lange, bis es die mobile Handspindel in Europa verdrängte.


eine Frau holt Spinat aus dem Garten, 
Tacuinum Sanitatis, 14. Jhd.


Spindelrad mit Flügel und doppeltem Treibriemen, noch handgetrieben, Mittelalterliches Hausbuch, 15. Jhd.

Florenz 15. Jahrhundert, Szene auf einem Fischmarkt, links sitzen die spinnenden Frauen
 
 
 

Die Wollgewinnung geschah im Mittelalter erst durch Auszupfen der Wolle, später wurde das Fell der Schafe mit Scheren geschoren. 

Das Spindelrad ist im Vergleich zur Handspindel etwa ein Drittel schneller, das Spinnrad etwa doppelt so schnell, aber durch das fehlende "Multi-tasking" ist der Zeitgewinn relativ. Auch sind Spinnräder im Vergleich zur einfachen Handspindel schon technisch fortschrittliche Geräte und damit teurer, denn man braucht ein Schwungrad, ein kleines Rad, das die Spindel antreibt, einen Rahmen, eine eiserne Spindel und eine Lederaufhängung, dazu ein Pergamentröllchen als Spule. Damit wird das Rad nicht für jeden Haushalt erschwinglich gewesen sein.
Frau eines Handwerkers, 
15. Jahrhundert
Das Spinnen war eine tägliche Tätigkeit, die von den Frauen immer getan wurde, wenn sie zwei Hände frei hatten, zum Beispiel auf dem Markt, abends am Feuer, und sogar beim Tragen von Dingen wie Holz, Wasser, Gemüse. Auch beim Ziegenhüten, Kochen und Feilbieten der Ware konnten die Frauen die Zeit produktiv nutzen. Es gibt sogar Abbildungen auf denen Frauen beim Weben noch die Spindel in der Hand halten; dies zeigt aber wahrscheinlich eher die notwendigen Arbeitsabläufe als eine reale Arbeitssituation.

Anna, Mutter Marias, und Elisabeth, Kusine Marias, beim Spinnen und Haspeln, o.J.
 

 

Zur Spindel gehört in den meisten Fällen der Rocken: dies ist ein an der Spitze gespaltener oder gedrechselter Stab, der unter den Arm geklemmt wrd. Auf diesen wird der Flachs fächerförmig aufgezogen, damit man die Fasern locker aus dem Büschel herausziehen kann, ohne eine zusätzliche Hand einzusetzen. 

Bei Wolle ist dieses Gerät nicht notwendig, da die Wollfasern durch das Kardieren gelockert werden.